Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2014 / 02 S. 09

Umstieg statt Ausstieg?

E-Zigaretten – keine gesunde Alternative

 © Dmitry Bairachnyi/ fotolia.com

Luft ohne Tabakqualm ist nicht nur angenehm, sondern nachweislich gesünder. Das bestätigten die Erfolge durch die gesetzlichen Maßnahmen zum Schutz der Nichtraucher in Deutschland1 und zahlreichen anderen Ländern: weniger Menschen müssen wegen Angina pectoris (Herzschmerz), Herzinfarkt, Schlaganfall und Atemwegserkrankungen ins Krankenhaus.2 Nun ist aber zu befürchten, dass E-Zigaretten solche Erfolge schon bald zurückdrängen – als Folge einer als „schleichende Revolution“3 bezeichneten Entwicklung.

Elektrische (elektronische) Zigaretten sind batteriebetriebene Geräte, in denen kein Tabak verbrannt wird, sondern darin verdampfen nikotinhaltige Lösungen („Liquid“), die dann inhaliert werden. E-Zigaretten heißen daher auch „Dampfer“. Die Liquid-Kartuschen kann man austauschen oder auch selbst befüllen. Viele Dampfer sehen wie eine Zigarette aus. Manche haben eine Leuchtdiode an der Spitze, die das Aufglühen einer Zigarette nachahmt, einige glimmen blau, was besonders cool aussehen soll. Andere haben ein Design, das nicht an Zigaretten erinnert.

Bei der Bewertung der ursprünglich aus China stammenden, in Europa erst seit 2006 erhältlichen E-Zigaretten scheiden sich die Geister. Befürworter versprechen „verantwortungsvolles Rauchen“.5 Wer dampft, werde von der Gesellschaft nicht mehr diskriminiert. Betont wird gerne, dass E-Zigaretten frei sind von Teer, Kohlenmonoxid und anderen gefährlichen Schadstoffen des Zigarettenrauchs. E-Zigaretten sollen sogar helfen, vom schädlichen Tabak-„Genuss“ loszukommen – indem man aufs Dampfen umstellt.

Kein Teer, aber nicht ungefährlich

Ohne jeden Zweifel enthalten E-Zigaretten keinen Teer. Ein Vorteil. Daraus aber abzuleiten, dass von E-Zigaretten keine gesundheitlichen Gefahren ausgehen („Harmlos wie Obst und Früchte“3), wäre ein Fehlschluss. Werbebehauptungen, etwa dass E-Dampf tausendmal weniger schädlich sei als Zigaretten zu rauchen, wurden inzwischen in Deutschland gerichtlich untersagt.6 Schließlich lassen sich die Auswirkungen der Inhalation all der verdampften Inhaltsstoffe – Propylenglycol- oder Glycerin-haltige Lösungen mit Nikotin, Aromen und sonstigen Zusatzstoffen sowie deren Abbauprodukte – nicht abschätzen. Sie sind bislang nicht ausreichend untersucht. Und gerade bei den jenigen, die Tabak rauchen oder geraucht haben, könnten die in beträchtlichen Mengen inhalierten Chemikaliendämpfe die vorgeschädigten Lungen reizen oder weiter schädigen. Dies gilt auch für Lungenkranke, die etwa an Bronchitis, Asthma, COPD oder Lungenentzündung leiden.

Nichtraucherschutz­

In Deutschland trat 2007 das Bundesgesetz zum Nichtraucherschutz in Kraft. Etwa zeitgleich führten auch alle Bundesländer Rauchverbote in der Gastronomie ein – allerdings mit länderspezifischen Ausnahmen. Seitdem genießen wir unverqualmte Luft beim Essen im Restaurant oder in der Bahn. Die Zahl vor allem der jungen Raucherinnen und Raucher ist stark gesunken.4

Forscher der obersten US-amerikanischen Gesundheitsbehörde (FDA) fanden im E-Dampf in sehr niedriger Konzentration Verunreinigungen und tabakspezifische Nitrosamine, die als Krebserreger gelten.7 Bei der Überprüfung von Dampf aus zwölf in Polen viel gekauften E-Zigaretten wurden toxische und krebserregende Substanzen aufgespürt – wenn auch deutlich weniger als im Zigarettenrauch.8 Das als Kontaktallergen bekannte Nickel sowie Aluminium und Eisen hingegen wurden in höheren Konzentrationen als im Zigarettenrauch nachgewiesen.9,10 Sie dürften sich aus dem Metall der kleinen Geräte herausgelöst haben.

Elektrische Zigaretten
GPSP 5/2009, S. 14

Studien zufolge steigen die meisten Raucher nicht komplett um, sondern nutzen sowohl E- als auch Tabakzigaretten. Krebs und Schäden an Herz und Kreislauf hängen aber stark davon ab, wie lange – also wie viele Lebensjahre – jemand Tabak geraucht hat. Wie oft er oder sie am Tag zum Glimmstängel gegriffen hat, ist dabei weniger relevant. Der gesundheitliche Vorteil für „Beidesraucher“ – auch als dualer Konsum bezeichnet – dürfte daher eher gering sein.11 Und die Erfolgschancen, mit E-Zigaretten vom Rauchen loszukommen, sind nach bisherigen Studien dürftig.12

COPD
GPSP 6/2013, S. 19

Es könnte beim Dampfen sogar zu Nikotinvergiftungen kommen, insbesondere dann, wenn nikotinhaltige Flüssigkeit direkt
in den Mund gelangt – etwa durch zu starkes Saugen.

Neue, alte Nikotinsucht

Nikotin ist die süchtigmachende Hauptkomponente in Tabakprodukten. Gesund sind E-Zigaretten auch aus diesem Grund keinesfalls. Sie versorgen Nikotin­abhängige mit dem benötigten Suchtmittel und mit bedenklichen Schadstoffen.

Ein weiteres Problem: Falls durch zunehmendes Dampfen von E-Zigaretten der soziale Druck, in öffentlichen Räumen nicht zu rauchen, aufgeweicht wird oder wegfallen sollte, werden vermutlich viele (wieder) schwach und zum Tabak greifen. Die Motivation, vom Nikotin loszukommen, könnte sich in Dampf auflösen. Der Trend der letzten Jahre, auf das Rauchen zu verzichten4 und damit verstärkt Verantwortung für die eigene Gesundheit und die Anderer zu übernehmen, wird durch E-Zigaretten unterlaufen. Die Nikotin-Dampfer sind billiger als Zigaretten, denn sie unterliegen nicht der Tabaksteuer. Der Preis von Zigaretten hält aber gerade junge Leute davon ab, mit dem Rauchen anzufangen.4

Nikotin

Nikotin ist ein starkes Suchtmittel. Inhaliertes Nikotin gelangt innerhalb von Sekunden in das Gehirn und bindet dort an bestimmte Rezeptoren. Dadurch werden Botenstoffe freigesetzt, die das Belohnungszentrum stimulieren. Das führt zu dem mit Rauchen verbundenen Wohlgefühl, das je nach Situation entspannend oder anregend sein kann. Mit der Zeit entwickelt sich dann ein starkes Verlangen nach Nikotinnachschub, die Abhängigkeit.9

Machen wir uns keine Illusionen: Die Anbieter von E-Zigaretten haben nicht nur Umsteiger vom Tabak im Visier, sondern auch die mindestens dreifach größere Gruppe der Ex- und Nichtraucher. Genau hier wittern die Tabakhersteller, die mittlerweile in den E-Markt eingestiegen sind, zusätzliche Umsätze.13 Der Nikotinkonsum mit E-Zigaretten steigt drastisch an. Die Gründe sind vielfältig: Risiken werden verharmlost, und Duftstoffe und die zahlreichen Geschmacksstoffe, darunter Aromen von allen möglichen Früchten oder von Marshmallow, Capuccino, Schokolade, machen die Dampfer möglicherweise sogar für Nichtraucher schmackhaft.

Nichtraucher werden
GPSP 6/2012, S. 4

Gerade für Technik-affine Jugendliche könnten E-Zigaretten eine Einstiegsdroge sein. Modisches Design und das „Besondere“ des Dampfens sprechen zudem leicht Menschen an, die sich interessant machen wollen oder möglicherweise auch solche, die bislang aus Furcht vor Lungenkrebs oder aus anderen guten Gründen nicht geraucht haben. Dampfer werden als Lifestyleprodukte propagiert. Dies erinnert an Zeiten im vergangenen Jahrhundert, in denen Tabakrauchen als Ausdruck eines besonderen Lebensgefühls – geprägt von Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit – hochstilisiert und propagiert wurde. Ein Anbieter jubelte dann auch anlässlich des Films „The Tourist“, in dem Johnny Depp E-Zigaretten raucht: „Gibt es einen besseren Weg, E-Zigaretten in das öffentliche Bewusstsein zu bringen, als sie in einem populären Hollywood Film zu zeigen?“14

Tabakkonzerne in den Startlöchern

Eine Umfrage in den USA ergab, dass jeder zehnte Schüler, der E-Zigaretten ausprobiert hat oder regelmäßig dampft, zuvor keine Tabakzigaretten geraucht hatte.15 Der Jahresumsatz von E-Zigaretten hat in den USA bereits 1,3 Milliarden Euro erreicht, in Eu­ropa 500 Millionen.16 Dies macht vorläufig nur einen Bruchteil des Marktes von Tabakprodukten aus. Noch! Nicht unrealistisch ist die Prognose, dass die Umsätze für E-Produkte bald an die der Tabakwaren heranreichen. In Deutschland hat sich der Zigarettenkonsum seit der Jahrtausendwende halbiert. Kein Wunder also, dass Tabakkonzerne wie BAT, Lorillard, Philip Morris und Reynolds sehr an E-Zigaretten interessiert sind und in den Markt einsteigen. Sie kaufen Hersteller auf und pushen deren Verkaufszahlen mit zig Werbemillionen. Oder sie entwickeln eigene Produkte: Auch Wegwerfdampfer, zum Beispiel mit dem Nikotingehalt einer Schachtel Zigaretten. Tabakkonzerne haben das Know-how, Menschen zum Rauchen zu verführen. Sie sehen in den E-Produkten eine Chance, Umsatzverluste bei Zigaretten wettzumachen.

E-Zigaretten-Rauchen ist ein Großversuch mit Ihrer Gesundheit: Nie zuvor hat eine Konsumentengeneration so hohe Dosen eines Chemikaliengemisches mit Propylenglycol, Glycerin u.a. auf Dauer inhaliert.10

Obwohl das Bundesinstitut für Risikobewertung bereits vor über einem Jahr empfahl, wegen der möglichen erheblichen Risiken E-Zigaretten wie herkömmliche Zigaretten zu behandeln,17 fehlen hierzulande einheitliche Regelungen, ob in Restaurants und öffentlichen Räumen gedampft werden darf oder nicht (siehe Kasten; GPSP 3/2012, S.4). Das begünstigt die Verbreitung des Dampfens.

E-Zigaretten tragen dazu bei, dass das schlechte Image des Rauchens aufpoliert wird. Beim jetzigen Stand der Kenntnis sehen wir in E-Zigaretten keine Lösung des Tabakproblems, sondern neue Probleme von erheblichem Ausmaß.18 Wir brauchen dringend  geeignete Studien, um zu klären, in welchem Ausmaß E-Zigaretten verwendet werden, wie viele Nikotinabhängige durch E-Zigaretten tatsächlich vom Tabak loskommen und wie viele Menschen durch die neuen Produkte überhaupt erst abhängig werden. Außerdem werden Studien benötigt, die Auskunft über die Langzeitrisiken geben – natürlich auch im Hinblick auf die Risiken für „Passivdampfer“. GPSP fordert, dass solche Studien von unabhängiger Seite durchgeführt, aber von Anbietern der E-Zigaretten und deren Verbänden bezahlt werden.

Zum Weiterlesen: Deutsches Krebsforschungszentrum
(2013) Elektrische
Zigaretten – ein Überblick

Chaotischer und unkontrollierter Markt

In vier Bundesländern (Baden-Württemberg, Hessen, NRW und Rheinland-Pfalz) gelten für E-Zigaretten die gleichen Beschränkungen wie für das Tabakrauchen. Die meisten  für die Überwachung zuständigen Landesbehörden haben bisher nicht diese konsequente Entscheidung getroffen. Manche wollen die Verkehrsfähigkeit der Produkte von Fall zu Fall prüfen. Daran dürften sie angesichts der Vielfalt des Angebots und  der ungeheuren Zahl der „Einzelfälle“ scheitern: E-Zigaretten, E-Pfeife, E-Shisha – das Angebot ist uferlos. Tausende Liquid-Kartuschen oder Nachfülllösungen in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen gibt es – mit Nikotinkonzentrationen bis zu 36 Milligramm pro Milliliter. Die Zusammensetzung der Produkte wird nicht systematisch kontrolliert. Stichproben lassen Schlimmes befürchten: In einigen angeblich nikotinfreien Liquids wurde Nikotin festgestellt, bis zu 22 Milligramm pro Kartusche. Bei Produkten mit deklarierter Nikotinmenge fanden sich zum Teil deutlich höhere oder erheblich niedrigere Nikotinkonzentrationen als angegeben.18


Quellen
1    Tan CE, Glantz SA (2012) Circulation; 126, S. 2177
2    Sargent JD u.a (2012) Clin. Res. Cardiol.; 101, S. 227
3    Streit um E-Zigarette: „Harmlos wie Obst und Früchte“, euronews vom 26. Jan. 2014
4    BZgA (2013) Der Tabakkonsum Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland 2012
5    Werbung auf Steamo.de
6    Oberlandesgericht Hamm (2013) AZ.: 4 U 91/13
7    FDA (2009) Evaluation of e-cigarettes 4. Mai
8    Goniewicz ML u.a. (2013) Tob. Control, 6. März doi:10.1136/tobaccocontrol-2012-050859
9    Deutsches Krebsforschungszentrum (dkfz) (2013) Elektrische Zigaretten – ein Überblick
10    Deutsches Krebsforschungszentrum (dkfz) (2013) Stellungnahme vom 19. Aug.
11    Hampton T (2014) J. Am. Med. Ass.; 311, S. 123
12    Bullen C u.a. (2013) Lancet; 382, S. 1629
13    Süddeutsche Zeitung (2014) Marlboro-Konzernmutter setzt auf E-Zigaretten. 4. Februar
14    Greensmoke (2014) Johnny Depp and the Electronic Cigarette. (Abruf 14.2.2014)
15    Electronic Cigarette Use Among Middle and High School Students – United States 2011-2012, Morbidity and Mortality Weekly Report, 2013; 62, S. 729
16    Fairchild AL u.a. (2014) N. Engl. J. Med.; 370, S. 293
17    BfR (2013) Liquids von E-Zigaretten können die Gesundheit beeinträchtigen Stellungnahme Nr. 016/2012 des BfR vom 24. Februar 2012, ergänzt am 21. Januar 2013
18    arznei-telegramm® (2014) 45, S. 17

Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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