Gute Pillen – Schlechte Pillen: 2006 / 05 S. 03

Für wen? Wie wirksam? Wie verträglich?

Alle Jahre wieder: Grippeimpfung

Wie jedes Jahr wird auch in diesem Herbst zur jährlichen Grippeimpfung aufgerufen. Nach den offiziellen Empfehlungen soll sich jeder ab 60 Jahren impfen lassen. Wer in einem Pflegeheimen wohnt, braucht den Impfschutz besonders. Gleiches gilt für kranke Menschen, die durch eine echte Virusgrippe besonders gefährdet wären.

GrippeschutzimpfungBesonders gefährdet sind auch Kinder und Erwachsene mit chronischen Erkrankungen der Atemwege, von Herz, Kreislauf, Leber oder Nieren, Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes mellitus, Multiple Sklerose sowie angeborener oder erworbener Schwäche des Immunsystems. Empfohlen wird die Vorsorgemaßnahme auch für medizinisches Personal einschließlich der in der Altenpflege Tätigen und für all jene, die auf Grund ihres Berufes viele andere anstecken können. Neuerdings sollen sich auch Personen mit direktem Kontakt zu Geflügel und Wildvögeln impfen lassen. Die Grippeimpfung schützt zwar nicht vor Vogelgrippe, doch soll die Maßnahme die Möglichkeit von Doppel-Infektionen mit den üblichen Grippeviren und den Vogelgrippeviren verringern.1

Anders als bei den übrigen Impfstoffen, zum Beispiel gegen Wundstarrkrampf (Tetanus) oder Kinderlähmung (Poliomyelitis), die seit vielen Jahren in der gleichen Zusammensetzung hergestellt werden, gibt es gegen die Virusgrippe – auch Influenza genannt – jedes Jahr neue Impfstoffe. Das ist nötig, weil sich das Grippevirus (Influenza-Virus) häufig verändert. Die Weltgesundheitsorganisation gibt daher jährlich die Zusammensetzung des Impfstoffes der kommenden Saison bekannt. Er ist auf die Virustypen abgestimmt, die voraussichtlich die größte Rolle spielen werden.

Wie gut eine Grippeimpfung wirkt, hängt von mehreren Faktoren ab: Zum einen müssen die im Impfstoff enthaltenen Virus-Antigene mit den sich ausbreitenden Viren übereinstimmen – sonst ist der Impfschutz schlecht. Zum anderen gibt es individuelle Unterschiede, wie das Immunsystem auf den Impfstoff reagiert. Und natürlich hängt es vom Ausmaß des Influenza-Ausbruches ab, ob man überhaupt angesteckt wird. Die Grippeimpfung schützt nicht vor den in der Winterzeit verbreiteten Erkältungen (siehe GPSP 10/2005, Seite 4-7) und anderen Atemwegserkrankungen.

 
Wo liegen die Risiken der Virusgrippe?

Durchschnittlich werden in Deutschland jährlich etwa 5.000 bis 8.000 Todesfälle auf Erkrankungen durch Grippeviren zurückgeführt. Doch solche Schätzungen sind unzuverlässig und wahrscheinlich deutlich zu hoch gegriffen, da sich die Zahl der Erkrank­ungen durch das Grippevirus nicht sauber von den anderen für die Winterzeit typischen viralen Erkrankungen trennen lässt. Etwa 90% der Todesfälle betreffen Menschen im hohen Lebensalter.


Wie wirksam ist die Grippeimpfung?

Der beste Impfzeitpunkt liegt im Oktober und November, da dann während der folgenden Grippeperiode ein ausreichender Schutz am wahrscheinlichsten ist.

Vielfach wird angenommen, die Impfung schütze hundertprozentig vor der Virusgrippe und deren Folgen. Dies trifft leider nicht zu. Die Vorsorgemaßnahme kann nicht alle Erkrankungen verhindern oder mildern.

Bei über 60-Jährigen verringert die Impfung Komplikationen der Erkrankung und senkt das Risiko, an Influenza zu sterben – je nach Studie um 25% bis 80%. Vor allem im Heim lebende Menschen profitieren von der Impfung.

Schwerwiegende Komplikationen der Virusgrippe wie hohes Fieber gefährden Kinder deutlich weniger als alte Menschen. Offenbar verringert die Impfung im Kindesalter die Häufigkeit von Erkrankungen durch Influenzaviren. Wir finden jedoch keine Belege dafür, dass Komplikationen, schwere Verläufe und Todesfälle seltener vorkommen. Einer methodisch guten Studie mit mehr als 750 Kleinkindern zufolge hat die Impfung keinen Einfluss auf die Häufigkeit und den Schweregrad von Mittelohrentzündungen (die bei Kindern mit einer Virusgrippe auftreten können).2

Unbefriedigend ist die Absicherung des Nutzens der Grippeimpfung auch hinsichtlich einer Verhinderung von schweren Krankheitsverläufen bei Zuckerkranken und Patienten mit einer chronischen Lungen-Erkrankung, für die Atemwegsinfektionen eine besondere Belastung sind. Dass die Komplikationen bei Patienten mit Bronchialasthma und HIV-Infektionen abnehmen, mag plausibel erscheinen, ist aber ebenfalls nicht belegt.2

Gesunde Menschen unter 60 Jahren, die keinen der Risikofaktoren wie chronische Atemwegs- oder Stoffwechselerkrankungen haben, brauchen sich nicht impfen zu lassen. Es gibt keine aussagekräftigen Belege dafür, dass die Vorsorgemaßnahme diesem Personenkreis wirklich nützt.2


Impfstoff der Saison

Alle angebotenen Grippeimpfstoffe einer Saison enthalten die gleichen Viren-Antigene. Die Präparate unterscheiden sich zum Teil bei den Hilfsstoffen. Konservierungsmittel sind heutzutage nur noch in produktionstechnisch bedingten Spuren enthalten. Die aktuellen Impfstoffe für 2006/07 kommen auf Grund von Verzögerungen bei der Herstellung frühestens im Laufe des Oktobers in den Handel.3

Seit einigen Jahren gibt es neben den herkömmlichen Grippeimpfstoffen so genannte adjuvantierte Präparate wie Addigrip®, Fluad® oder Infectovac Flu®. Bei diesen sind die Virus-Antigene in spezielle Trägermedien eingebracht, beispielsweise in eine Öl-in-Wasser-Emulsion. Diese etwas teureren adjuvantierten Präparate sollen angeblich den Impfschutz vor allem für ältere Menschen verbessern. Dass sie schwerwiegende Erkrankungen oder das Sterberisiko tatsächlich stärker verringern als die konventionellen Impfstoffe, ist allerdings nicht gesichert.


Wie verträglich ist die Impfung?

Mit Nebenwirkungen muss man bei einer Grippeimpfung rechnen. Sie sind meist örtlich begrenzt. Es können Schmerzen bei der Injektion, Rötung und Schwellung an der Injektionsstelle oder Verhärtung von Gewebe auftreten. Solche unerwünschten Effekte scheinen bei den adjuvantierten Präparaten häufiger vorzukommen als bei den konventionellen. Dies gilt auch für Nebenwirkungen wie Fieber, Unwohlsein und Muskelschmerzen. Akute allergische Reaktionen sind selten.

Bei einer Hühnereiweiß-Allergie darf man sich nicht gegen Grippe impfen lassen, denn die Virusbestandteile der Präparate werden großtechnisch unter Verwendung von Hühnerei vermehrt.

Die angebotenen Impfstoffe sind allerdings noch nicht optimal. Der Schutz vor Infektion und Folgeerkrankungen liegt zwischen mindestens 25% und maximal 80%. Gegen Vogelgrippe wirken die Präparate nicht. Impfstoffe gegen Vogelgrippe sind noch nicht erhältlich.

Wir empfehlen die Grippeimpfung für Personen über 60 Jahre und für chronisch Kranke, da sie besonders durch die Komplikationen einer Virusgrippe gefährdet sind. Für diesen Personenkreis übernimmt die Kranken­kasse die Kosten der Impfung beim Arzt oder der Ärztin. Wenn keine weitere Beratung stattfindet, muss auch keine Praxisgebühr bezahlt werden.


Quellen
1    Ständige Impfkommission: Epidemiol. Bull. 2006; Nr. 30:  243
2    arznei-telegramm 2004; 35: 120-3
3    Paul-Ehrlich-Institut: „Grippeschutzimpfung ab Oktober – für Ältere, chronisch Kranke und Medizinpersonal”, Pressemitteilung vom 22. Aug. 2006


Die Virusgrippe (Influenza)

Die Virusgrippe verläuft meist als hochfieberhafte Erkrankung mit Gelenkbeschwerden und erheblichem allgemeinem Krankheitsgefühl. Bei älteren Menschen oder bei schweren Grunderkrankungen nimmt die Infektion häufig bedrohliche Verläufe. Komplizierend können Lungeninfektionen hinzukommen und andere, mitunter tödliche Komplikationen. Bei Verdacht auf Virusgrippe (hohes Fieber über 40°C, mehr als 20 Atemzüge pro Minute, Benommenheit u.a.) muss dringend der Hausarzt kommen (GPSP 10/2005, Seite 6-7).


Der Stand der Informationen entspricht dem Erscheinungsdatum des Hefts.

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Ausgabe Nr. 5 Sept. 2006

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